Sport in Ulm erforscht

20. Okt 2021

Förderpreis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten errungen!

Veränderung und Identität

Zu sehen ist hier das Titelblatt der erfolgreichen Arbeit. Und außerdem ist hier auch ein lesenswerter Insider-Bericht über die Arbeit des Forscherteams erst im Schwörhaus (Stadtarchiv Ulm) und dann - coronabedingt - zuhause.

Die Oberstufenschüler Jonas Arndt, Johann Blakytny, Kai Gruhn und Niko Hönig haben beim Geschichtswettberb des Bundespräsidenten einen Förderpreis der Körberstiftung für unsere Schule errungen! Herzlichen Glückwunsch! Sie bearbeiteten mit Unterstützung des Stadtarchivs Ulm und des Archivpädagogen Thomas Müller sowie betreut von Olaf Krischker selbständig das Thema "Veränderung und Identität. Historischer Vergleich der Landesturnfeste 1925 und 1955 in Ulm an der Donau und die Betrachtung des breiteren gesellschaftlichen Kontextes". In dieser wissenschaftlichen Untersuchung geht es um die Wechselwirkung von Sport und Gesellschaft, d.h. wie Sport seinen Beitrag für ein Miteinander in Deutschland geleistet hat und wie natürlich auch Politik die Nähe zum Sport sucht. Außer dem mit Geld für die Schule dotierten Förderpreis bekamen die jungen Forscher u.a. auch die Möglichkeit, am Historikertag in München virtuell teilzunehmen.

Körber Stiftung

Wir hatten einen Plan. Wir hatten sogar mehrere. Aber den hatte die Sowjetunion auch. Wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann wohl, dass es im Zweifel anders kommt.

Um die geht es, die Geschichte. Sie ist im Grunde eine einzige unerschöpfliche Reality-Soap mit Darstellern, die schillernder nicht sein könnten und in der wir sogar selbst alle unsere kleine Rolle haben. Das macht sie unglaublich spannend. Und unbegreiflich groß. Und das ist ein Problem.

Bevor wir nämlich überhaupt einen Plan hatten, versuchten wir uns am Brainstorming. „Bewegte Zeiten – Sport macht Gesellschaft“ verkündete das Wettbewerbsplakat und die Aufgabenstellung verriet, dass wir mit dieser diffusen Losung im Grunde alles würden anstellen können, von der schriftlichen Ausarbeitung bis zum Brettspiel. Schließt einmal die Augen und überlegt euch, was euch zu Sport und Geschichte einfällt. Wahrscheinlich viel. Olympia und der Ruhm der Arena zum Beispiel. Eine gesellschaftliche Achtung, die eng mit dem Vorbildcharakter der Körperlichkeit zusammenhängt und über alle Zeitalter und viele Kulturen hinweg Einfluss auf Kindererziehung und Menschenbild genommen hat. Dieser Weg führt bis zur deutschen Turnerbewegung und dem breitensportlichen Nationalismus, die sich der Erziehung des ominösen „Volkskörpers“ anzunehmen behaupteten, er hinterlässt uns das Erbe eigentümlicher Vereinsstrukturen mit pseudoinstitutionellem Anspruch und überliefert die Bedeutung von Klassenspaltung und Geschlechtergerechtigkeit in die heutige Zeit. All diese Themen standen auf unseren Zetteln und es begannen sich große Pläne in unseren Köpfen zu formen.

Es ist ja so, dass man als bereits hier und da mit der Welt in Berührung gekommener Mensch das Gefühl hat, sich mit all diesen Ereignissen ein wenig auszukennen, die meisten Episoden schon mal angeschaut zu haben und es ist leicht zu sagen: Nun ja, die Verbindung aus Deutschtümelei, Sozialdarwinismus und Nationalismus, zu der sich die Turnerbewegung entwickelte, leistete dem Aufstieg des Nationalsozialismus bedeutenden Vorschub. Nur, dann realisierten wir, dass wir ja nicht im Unterricht waren. Zum ersten Mal wurde von uns mehr verlangt, als schon mal von Burschenschaften gehört zu haben. Es wurde mehr verlangt, als ein Statement eines 65-jährigen Historikers zum Antisemitismus im frühen Deutschen Turnerbund zu bewerten. Es wurde sogar mehr verlangt, als aus einem Zeitungskommentar von 1916, der sich über den schädlichen Einfluss der britischen sports auf die deutsche Leibeserziehung beschwert, nationalistische Tendenzen abzuleiten. Wir bekamen keine Quellen. Jede Aussage, die wir getroffen hätten, so vertretbar sie sein mochte, wäre in erster Linie eine Behauptung und als solche allein völlig wertlos. Wir waren ja nicht dabei damals, sondern geben mit bescheidener Präzision einen über Jahrhunderte von den ideologischen und propagandistischen Interessen der Akteure und Rezipienten und am Ende auch noch unseren eigenen Vorurteilen gefärbten und fermentierten Eindruck wieder. Plötzlich fühlten wir uns von den historischen Ereignissen, die wir geglaubt hatten, gut zu kennen, wieder Jahrhunderte entfernt.

Wir brauchten also Quellen. Und das durften nicht irgendwelche Quellen sein; wer sich Chancen auf eine positive Bewertung machen wollte, dessen Materialien sollten einen engen lokalen Bezug aufweisen. Das schränkte uns erst einmal gewaltig ein. Denn welche Ereignisse von historischer Relevanz hatten schon in Ulm stattgefunden, wenn man auch noch nach Sport-Bezogenem filterte? So ernüchternd sie waren, genau genommen taten uns diese Auflagen sogar einen Gefallen, denn sie schränkten dieses gewaltige Themenfeld ein und nun hatten wir immerhin einen Anhaltspunkt, an dem wir die Suche beginnen lassen konnten.

Unser Anhaltspunkt hieß Thomas Müller. Nein, nicht das Bayern-Urgestein, auch wenn der den Eindruck macht, als Zeitzeuge aus den Gründungstagen der Bundesliga herhalten zu können, sondern ein Archivpädagoge und veteraner Wettbewerbstutor, der uns entgegenkommender Weise die Türen des Schwörhauses geöffnet hat. Dort nämlich, im Haus der Stadtgeschichte, befindet sich eines der ältesten städtischen Archive Deutschlands mit über 6000 Metern Akten, darunter Zeitungsarchive, Ratsprotokolle und Fotographien – in Printform, wie man es erwartet, und das nicht, weil es dem hinlänglich angenommenen Digitalisierungsstatus des Staates entspricht; Digitalisate werden durchaus angefertigt, sind aber natürlich wesentlich weniger verlässlich, man muss sich dazu nur klar machen, dass es letztlich die bis zu sumerischen Steintafeln abwärtskompatible Lesbarkeit analoger Medien ist, die die Geschichtswissenschaft erst möglich gemacht hat. Durch diesen Datenwust müssen wir uns, erklärt Herr Müller, nicht persönlich wühlen, vielmehr werden uns die entsprechenden Dokumente auf Vorbestellung zum Studium in den Lesesaal geliefert. Abgesehen davon mutet die Recherche im Archiv ein wenig an wie Archäologie: Zwar sind die Dokumenttypen nach Signaturen gegliedert und im besten Fall auch noch mit Stichworten versehen, jedoch ist das ein wenig, wie den Grabungsort und die Steinschicht zu kennen – am Ende muss auf gut Glück gegraben werden. Dennoch würde ich die archivarische Ausgrabung einer archäologischen jederzeit vorziehen und das liegt schlichtweg daran, dass es im Grunde nur Treffer gibt: Hattet ihr schon mal ein Archivdokument in der Hand? Es ist ungemein faszinierend, weil dir klar wird: Dieses Stück Papier lag auf einem Schreibtisch, als die Tische noch schwer und aus Eiche waren und auf ihm stand eine Schreibmaschine und hinter ihm saß – horribile visu – ein Nazi. All das Vergangene ist tatsächlich passiert, hier liegt, was übrig geblieben ist, man kann es sehen, anfassen, einen winzigen Teil einer Welt, die nie wieder betreten werden kann. Doch die Dokumente müssen nicht einmal Originale sein, um ein schwindelerregendes Gefühl von Vermächtnis zu erzeugen: In Form dieses dünnen, zerbrechlichen, praktisch vor deinen Augen verbleichenden Materials scheint sich das ganze wacklige Konstrukt der Zivilisation aufzutürmen, eine primitive Erinnerung, die mühsam von Generation zu Generation aufeinandergestapelt wurde.

Fündig zu werden ist also nicht schwer, im Gegenteil, denn welche Zeit ist sich ihrer schon peinlich? Da spricht der Kreisvertreter des Schwäbischen Turnerbundes beim Landesturnfest 1925 von einer „gleichgesinnten turnerischen und völkischen Gesinnungs- und Lebensgemeinschaft“ und in der gleichen Festschrift werden „Unterordnung und Gehorsam“ zu „Vorbedingungen des Gelinngens“ erklärt und die Turnerschaft aufgefordert, die „trostlosen Zeiten […] völkischer Erniedrigung zu überwinden [und] das deutsche Volk aus fremder Knechtschaft wieder zur Freiheit unseres deutschen Volkstums […] zu führen“. Denkt daran, das war 1925 salonfähig, da war die Weimarer Republik keine 7 Jahre alt.

Im Jahr 1955 gastiert das Landesturnfest erneut in der Donaustadt, doch was das Land in den vergangenen 30 Jahren erlebt hat, hat auch in der Sprache der Turner viel verändert. Die Schule solle die „Leibesbetätigung alle[r] Kinder zu gesunden, charaktervollen und harmonischen Menschen“ fördern, schreibt ein Lehrer, Begriffe wie „Treue“ und „deutsch“ sind verschwunden und das Ulmer Stadtkuratorium der Bundesjugendspiele betont 1953 berechtigterweise: „Dabei werden folgende Lieder gesungen […] 3. ,Einigkeit und Recht und Freiheit’ nur [sic!] Vers 3“. Gleichzeitig ist im Kern aber auch viel gleich geblieben, so besteht auch hier noch eine enge Verknüpfung mit Nationalität, Leidenschaft und Glauben. Im Deutschland von 1955 steckte noch viel der letzten hundert Jahre und viel mehr als zurückhaltende Modernisierung konnte von so traditionsorientierten Strukturen nicht erwartet werden. Das übernahmen dann die neuen Jugendbewegungen, die nichts dagegen hatten, diese Strukturen einzureißen – so wie einst auch die Turnerbewegung begonnen hatte.

Nach unseren zwei Archivbesuchen hatten wir uns rasch auf diesen Fokus festgelegt und konnten ihn nun in den verbliebenen Wochen ebenso gradlinig und strukturiert ausarbeiten. Würde ich euch gerne erzählen. Ganz so sah es aber leider nicht aus, vielmehr dokterten wir eine ganze Weile relativ ergebnislos an thematisch versprengten Ansätzen herum, zerstritten uns, verzweifelten, sodass wir uns schließlich nur mehr zu viert zur Krisensitzung knapp zwei Wochen vor Einreichungsschluss einfanden. Lia, die den Wettbewerb ursprünglich ausgegraben hatte, war es endlich gelungen uns klarzumachen, was eigentlich von uns verlangt wurde: eindeutige lokale Bezüge und kleine historische Zeiträume. Nicht Krise des Handwerks zu Beginn der Industriellen Revolution also, sondern eher Chancen und Konfliktpotential der Zuwanderung von Baumwollwebern nach Neurode um 1840. Selbst wenn Zeit gewesen wäre, unter dieser Prämisse noch einmal das Archiv aufzusuchen, so wurde das durch die Infektionsschutzverordungen verunmöglicht, fieberhaft durchsuchten wir also unsere zahlreichen Notizen nach Quellen, aus denen sich ein solches Narrativ extrahieren ließe – und wir wurden fündig, in den oben erwähnten von Johann aufgestöberten Festschriften des Turnerbundes und den Archiven der didaktischen Richtlinien an Ulmer Gymnasien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Nun gab es zwei Möglichkeiten. Entweder uns einzugestehen, die meisten Möglichkeiten organisatorisch verbaut zu haben und das Projekt an den Nagel zu hängen. Oder aber das jetzt durchzuziehen und uns für ein halbes Jahr an Commitment zu belohnen. Nach all dem, was wir investiert hatten, gab es eigentlich nur eine Möglichkeit, aber die bedeutete, jede freie Minute zu arbeiten. Und so wurde das dann eben gemacht. Über die nächsten Tage lebten wir praktisch in einem Google-Docs-Dokument und verständigten uns parallel über ZOOM – und ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Ich hatte es zuvor nicht erlebt, dass sich Schüler so bemüht hätten, die Zeit einer Konferenz möglichst konzentriert und effizient zu nutzen. Und irgendwie gelang es uns, das Unmögliche umzusetzen. Innerhalb dieser Woche wurde aus einer Idee eine 28-seitige Ausarbeitung über den Niederschlag nationalistischer Tendenzen in der Turnerbewegung und ihrer Bedeutung für die Klassendynamiken des 19. Jahrhunderts, der wir, fast schon neckisch, den betont seriösen Titel Veränderung und Identität gaben.

Es freut mich, dass unser Engagement von der Jury mit einem Förderpreis gewürdigt wurde. Das mag zwar objektiv ein Achtungserfolg sein, bedeutet mir aber persönlich umso mehr, für alle, die sich dafür eingesetzt haben, für Felix Neubauer und Frederik Bork, die unsere Archivrecherchen unterstützt haben, für Lia Wiesemann, die Initiatorin, ohne die wir immer noch beim Brainstormen säßen, und insbesondere Kai Gruhn, Jonas Arndt und Johann Blakytny, die mit mir in diesem zeitlosen Rausch die Zielgerade bewältigt haben. Vor allem aber freut es mich für Herrn Krischker, ohne dessen Bereitschaft, ein Auge über unsere immer wieder neuen chaotischen Wettbewerbsunternehmungen zu haben, keine von ihnen zustande hätte kommen können.

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten findet biennal und damit das nächste Mal 2022 statt. Da ist meine Schulzeit schon vorbei. Allen, bei denen das noch nicht so ist, empfehle ich: Reichert eure Schulzeit an! Sie ist so kurz. Nehmt euch Freunde und eine wohlmeinende Lehrkraft und stürzt euch in Wettbewerbe. Ob irgendeine Jury das dann zu schätzen weiß, ist ganz egal, was ihr wirklich bekommt, ist das Gefühl, etwas erschaffen zu haben, worauf ihr stolz sein könnt. Von der Benutzung des Stadtarchivs über die Koordination unzähliger Ideen in einem unbegrenzten Themenfeld bis hin zum Verfassen einer Ausarbeitung in den letzten Sekunden hat mich der Wettbewerb von einem kalten Becken ins nächste geworfen und mehr Autonomie verlangt als ein ganzes Schuljahr zuvor.

Die Menschheitsgeschichte, diese riesige Soap, ist ein über Jahrtausende voller Eifer gezeichnetes Portrait unserer Art – und animiert entsprechend, sich dieses Portrait anzusehen, es verspricht Abwechslungsreichtum und bedeutsam für das Hier und Heute soll sie auch sein. Bringt einem dann die Schule ihrer Weisung entsprechend aber die Geschichtswissenschaft näher, so kann das leicht ernüchternd wirken. Gräbt man nämlich unter dieser funkelnden Oberfläche, stößt man zunächst auf dieselben Aufgaben, Medien und Methoden wie in den anderen Geisteswissenschaften, Texte von Menschen, die aus erster und zweiter Hand schreiben, die verglichen, analysiert und abstrahiert werden sollen – und die empfundene Nähe zur Geschichte wieder tilgen. Da die selbstständige Suche nach Quellen – und, zugegebenermaßen, auch die dafür notwendige Begeisterung – den Rahmen des in der Schule Möglichen überschreitet, bleibt es meistens dabei, was sehr schade ist; denn gräbt man – vorsichtig, mit Pinsel und Pinzette – tiefer, so weit, bis die Quellenanalyse kein Selbstzweck mehr ist, dann legt man eine Gesteinsschicht frei, in der die Geschichte wieder um dich herum aufzusteigen beginnt und bis in die Gegenwart, bis in die Zukunft zu reichen scheint. Es wird der Punkt kommen, an dem du dir vielleicht denken wirst: Was, im Ernst? Wieso denkt darüber niemand nach?

Falls euch also Geschichte fasziniert – und vor allem, falls euch Geschichte nicht fasziniert – seid 2022 dabei (oder sucht euch einen anderen Wettbewerb) und fangt an zu graben. Zieht euch die alten Folgen mal wieder rein!

Niko Hönig